Daria Schulte betreibt in einer One-Woman-Show einen kleinen Strickladen auf ihrem Lüthjenhof in Hamburg. Ein Unfall brachte sie zum Schreiben. Und Ihre Worte fanden Anklang – in der Internetwelt.

Daria, den Bildern auf deiner Internetseite zur Folge lebst du auf einer Baustelle. Einer Hübschen. Stimmt das?

Ja, das ist richtig. Auf einer Dauerbaustelle.

Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Der Lüthjenhof ist zu groß, zu viel, als dass wir alles auf einmal machen könnten. Als wir den Hof kauften, mussten wir die Banken schon für die Finanzierung nur des Kaufpreises überzeugen. Ein höherer Kredit für Sanierungsmaßnahmen war den Banken bei so einem „Spezialobjekt“ wie sie es nennen, nicht zu entlocken. Auf dem Papier der Banken hat ein 100-Jahre-altes Haus keinen Wert mehr.

daria_schulte_lüthjenhof-sockshype03 Lüthjenhof Daria Schulte vom Lüthjenhof

Der Lüthjenhof von Daria Schulte in Hamburg

Also aus der Not eine Tugend machen.

Man merkt erst im Laufe der Zeit, der Jahre, der Jahreszeiten und der Lebenssituation, was man eigentlich will. Was braucht man am Haus, welche Zimmer will man wie gestalten, welche Ecken des Hauses erfordern welche Materialien und Baumaßnahmen. Und was passt eigentlich zum Haus und seinem Originalzustand? Nach den Dachziegeln, die nun im Zuge der endlich erfolgten Sanierung liegen, haben wir Monate gesucht denn es gibt sie kaum noch – historische Baumaterialien.

Genauso sind die Fenster ein Ei, über dem wir noch brüten. Es soll so originalgetreu wie möglich sein, dabei aber energetisch effektiv und im Alltag brauchbar.

daria_schulte_lüthjenhof-sockshype01 Lüthjenhof Daria Schulte vom Lüthjenhof

Nicht bloß die Hühner brüten auf dem Lüthjenhof.

Und dann sind da noch die Handwerker, die man oft genug für ein so altes Haus mit Überraschungspotential zur Arbeit regelrecht bitten muss. Nicht umsonst hat es nun über zwei Jahre gedauert, bis das Dach neu gedeckt wurde.

Der Baustellendreck stört natürlich immer wieder. Und auch der Gedanke, dass meine Kinder zu Hause Freunde einladen und sich dann ein Haus präsentiert, das erst an wenigen Stellen fertig und schön ist. Aber ich weiß selber, dass es auf das Äußere nicht ankommt und jeder, der mir ein paar Sätze länger zuhört, weiß, dass unser Hof keine Bruchbude ist sondern ein Sanierungsobjekt, das Zeit und Gedanken braucht – und wenn wir im Gespräch so weit gekommen sind, spielen die Kinder schon fröhlich in irgend einer Ecke und alles ist gut.

Bis zur Rente wird schon alles hübsch sein – und meine Sauna wird auch fertig sein 🙂

daria_schulte_lüthjenhof-sockshype05 Lüthjenhof Daria Schulte vom Lüthjenhof

Viel Arbeit, aber auch verdammt viel Charme: Der Lüthjenhof.

Seit einigen Jahren schreibst du auf www.luethjenhof.de spannendes aus deinem Leben. Was war die schönste Rückmeldung deiner Leser, an die du dich erinnerst?

An die schönste Resonanz meiner Leser erinnere ich mich sehr gut. Ich kann allerdings nicht eine einzige ausmachen, keine herauspicken.
Sie kam zu einer Zeit, die für uns ganz schlimm war.

Ich habe mein Tagebuch genutzt um all die Gedanken aufzuschreiben, die meinen Kopf fast zum Platzen gebracht haben.

Ich habe das Blog immer als mein kleines Tagebuch und Foto-Sammelsurium gesehen und benutzt. Mit der Zeit wuchs es und viele Strickinteressierte lasen darin, Freunde, Kunden, Familie. Ich habe immer nette Reaktionen bekommen und mich über jeden Kommentar gefreut, auch geantwortet und ab und an hat sich ein interessanter Austausch ergeben.

Aber meist waren die Kommentare und die Begegnungen doch einfach sehr entfernt, wie das eben ist, in der Internetwelt.

Dann kam der Tag in meinem Leben, den ich nicht vergesse. Einige Monate nach unserem Einzug in den Lüthjenhof. Der Tag, an dem mein Sohn einen Ertrinkungsunfall im Teich in einem der Nachbargärten hatte. Ab diesem Tag begann die Zeitrechnung in meinem Leben von neuem. Ich habe nicht lange überlegt und habe einfach losgeschrieben. Ich habe mein Tagebuch genutzt um all die Gedanken aufzuschreiben, die meinen Kopf fast zum Platzen gebracht haben. Ich habe das Schreiben zur Verarbeitung gebraucht.

Die Kommentare und Reaktionen auf meine Zeilen haben mich und uns überwältigt, immer wieder. So mitfühlend, so echt, so nah, so gedankenvoll und hilfsbereit – so viel!  Mir völlig fremde Menschen haben ehrlich Anteil genommen an unserem Unfall, wollten wissen, wollten Trost spenden und Halt geben, wollten auf jede erdenkliche Weise helfen. Das hat uns unheimlich gut getan, zu wissen, dass man viele gute Gedanken empfängt, dass Menschen einem beistehen. Wenn auch regional weit entfernt, waren sie doch emotional so nah. Zu spüren, wie nah die ferne Internetwelt sein kann, das war fast überfordernd, vor allem aber hat es uns ganz viel Stärke gegeben in dieser schweren Zeit.

daria_schulte_lüthjenhof-sockshype02 Lüthjenhof Daria Schulte vom Lüthjenhof

Stärke in einer schwierigen Zeit gaben Daria Schulte die herzlichen Internetnutzer.

213 Beiträge zum Thema Stricken und nur ein Artikel zum Häkeln. Stirbt das Häkeln aus?

Nein, ich glaube nicht. Aber hier entsteht tatsächlich wenig Gehäkeltes. Das hat mehrere Gründe:

Zum einen hat Häkeln einen ganz anderen Anwendungskreis in meiner Vorstellung. Häkeln ist super für kleine Accessoires, Blumenketten, Greiflinge, Kinderwagenketten, Rasseln oder Mobilés über Wickeltischen.  Von so einer kleinen Kollektion träume ich schon lange, aber mir fehlt leider die Zeit, das umzusetzen.

Und zum anderen passen gehäkelte Kleidungsstücke nicht so recht zu meinen Strickstücken. Gehäkeltes lebt von der festen, groben Struktur. Okay, außer Filethäkeln. Meine Stricksachen sind aber eher filigran und engmaschig, kein Grobstrick – da wäre irgendwie ein Bruch in der Linie.

Also ebenfalls ein Projekt für die Rente: „Häkel-Accessoires vom Lüthjenhof“

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Handgestrickte Mützen im Hoflädchen von Daria Schulte.

In deinem Hofladen verkaufst du fertig gestrickte Kinderprodukte. Können viele Kunden nicht stricken?

Tatsächlich gibt es viele Menschen, die nicht stricken können. Das lernt man einfach nicht mehr in der Schule oder von der Oma. Eine ganze Weile war Wolle und Stricken und Häkeln, Knüpfen und so weiter, aus der Mode. Nun kommt es wieder seit einigen Jahren, aber das Wissen ist nicht automatisch erhalten geblieben.

Aber ich habe auch viele Kunden, die selber stricken können. Die sagen von sich, dass sie nicht schnell genug sind oder ihnen ihre Stücke nicht sauber genug aussehen. Oft haben sie auch eine Idee, aber kein passendes Strickmuster dazu. Von der Idee eines Kleidungsstücks bis zum fertigen Stück selbst, ist es ja auch noch ein langer Weg. Man muss es in einen Schnitt umwandeln, braucht geeignetes Garn und dann muss man hoffen, dass die Realisierung auch so klappt wie man sich das vorgestellt hat. Dazu braucht man vor allem Geduld.

Am 9. März 2011 schreibst du, dass du keine Socken stricken kannst. Wirklich?

Als ich das geschrieben habe, konnte ich es tatsächlich (noch) nicht!

Ich wollte schon immer Socken stricken können. Meine Mutter hat endlose Stunden damit verbracht, es mir beizubringen. Aber ich, undankbare Göre, hatte keine Geduld dazu und sobald etwas nicht geklappt hat, hab ich die Stricksachen in die Ecke gepfeffert 😉

Dann ist meine Mutter gestorben, an Krebs und viel zu früh. Und ich hatte das Gefühl, ich schulde ihr irgendwie, dass ich das lerne. Und dann hatte ich die Geduld, den Ehrgeiz – zu wissen, dass sie stolz auf mich wäre und sich gefreut hätte, das war mein Ansporn. Das ist auch ganz tief drinnen ein bisschen mit dem Hofladen der Fall. Meine Mutter wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass ihre Tochter einmal so viel, so gut und für ganz fremde Menschen stricken würde.

 

Aus deinem Shop auf DaWanda geht hervor, dass du nicht allein strickst. Wer hilft dir bei den tollen Strickprodukten?

Beim Stricken selbst hilft mir niemand. Ausser die Kinder ab und zu, ungefragt – und äußerst hilfreich 😉

Das Stricken ist hier in der Tat eine One-Woman-Show.

Aber meine Familie hilft natürlich insofern, als dass ich die Zeit dafür freimachen kann. Mein Mann schafft mir nicht nur die Zeit dazu, er übernimmt auch viel Organisatorisches: Abrechnung und Steuer, Versand und anderen Kleinkram wie z.B. die Vorbereitung für den hello handmade Markt in Hamburg dieses Jahr. Und er steht hinter mir, hinter dem, was ich da erschaffe. Somit ist er ein essentieller Teil des Hofladens, ohne den es nicht ginge.

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Immer in Arbeit: Nicht nur der Hof, sondern auch die Nadeln von Daria Schulte.

Du hast eine tolle Familie und einen tollen Lüthjenhof. Was wünscht du dir für 2014?

Zuerst einmal wünsche ich mir einen guten Start in die Schule für meinen Sohn. Das ist das erste Mal, dass wir ein Kind einschulen und wahrscheinlich bin ich aufgeregter als mein Sohn.

Und dann hätte ich gerne eine schöne Balance aus Stricken für den Hofladen und Stricken für mich, meine Familie, meine Freunde – ich will schon seit Jahren ein Kleid für mich stricken, das ich dann doch immer wieder verschiebe und sage: „Nächsten Sommer klappt das bestimmt.“.

Und dann bin ich im Sommer doch schon wieder mit den Herbst-Aufträgen beschäftigt.

Aber das ist ja grundsätzlich auch nichts Schlechtes, schließlich will ich, dass die Kinderzimmer bald neue Fenster bekommen können. Und die kommen hoffentlich auch in 2014!

 

Neues vom Lüthjenhof: http://www.luethjenhof.de

Online-Hofladen von Daria Schulte: http://de.dawanda.com/shop/Luethjenhof

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