Der Empfang

Im westlichen Randgebiet von Hamburg durftet es nach frisch gebackenem Kuchen. In einer kleinen, unscheinbaren Wohnung öffnet ein Mann zur vereinbarten Uhrzeit die hölzerne Wohnungstüre des dunklen Hausflures. Er ist überraschend kleiner, als es seine tiefe Stimme an der Gegensprechanlage vermuten ließ. Auf dem modernen, hellen Buchenlaminat stehen Möbel, die wunderbar die Einrichtungstrends des letzten Jahrhunderts zeigen, aber alle auch nicht zusammenpassen wollen. Der Wandschrank in Eiche-rustikal, die Stühle aus unbehandeltem Holz der späten 90er Jahre. Alles, was seinen Zweck noch erfüllt, muss ja auch nicht ersetzt werden – umweltbewusst und sympathisch.

Freude über fremden Besuch bei Herrn B.  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Freude über fremden Besuch bei Herrn B.

Was wir von den Alten lernen können

Wir haben Blumen mitgebracht. Auf der Suche nach einer passenden Vase scherzt er, man solle sich doch lieber öfter scheiden lassen und wieder heiraten, dann habe man einfach mehr Blumenvasen. So scherzt also seine Generation der über 80jährigen über eine Genration, in der ein Versprechen so oft nicht gehalten wird. Herr B. (seinen vollen Name sollen wir nicht nennen, denn „dieses Internet birgt sicherlich auch Gauner und Schelme“) bewegt sich sicher und zielstrebig durch seine 3-Zimmer-Wohnung. Seine Freude über den fremden Besuch drückt er mit einem bereits gedeckten Tisch aus. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee vermischt sich mit dem des Kuchens, der sich noch im Ofen befindet. Er wolle mit seinen Backkünsten angeben, ist sich aber plötzlich nicht sicher, ob der Kuchen schmeckt, denn schließlich habe er das Rezept vor einiger Zeit einmal abgeschrieben, aber vorher noch nie ausprobiert. Er ist zwar ein bisschen härter als erwartet, schmeckt aber trotzdem.

Wir kommen ins Gespräch. Herr B. ist in Bremen geboren, aber in Berlin mit seinen drei jüngeren Schwestern aufgewachsen. Mit seiner Frau hat er selber vier Söhne und eine Tochter. Irgendwann zog es sie wieder in den Norden, sodass sie ihr Haus verkauften und in eine kleinere Wohnung nach Hamburg zogen. Hier sitzen wir nun. Nach dem Kuchen sammelt er seine Stricksachen zusammen und bringt sie zum Tisch.

„Hitlerjungen stricken nicht!“Herr B. aus Hamburg

Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Herr B. konzentriert sich auf seine Strickarbeit

Handschuhe aus Wollresten

1939 hat Herr B. das Stricken von seiner Mutti gelernt. „Hitlerjungen stricken nicht!“, hieß es damals. Als ältester Sohn mit drei Schwestern hat ihn die Handarbeit jedoch fasziniert, sodass er es lernen wollte. Ganz besonders stolz ist er auf die Handschuhe mit „Muschen“, die er nach einer Anleitung seiner Mutter strickt. Die Mutter wäre jetzt 115 Jahre alt. So alt sind seine eigenen Handschuhe natürlich nicht, aber gleich fällt auf, dass sie nicht zueinander passen. Er strickt die Handschuhe aus Wollresten und entweder hat er mal einen Handschuh verloren, war vollkommen verschlissen oder hatte einfach nicht genügend identische Wolle für zwei gleiche Handschuhe. Aber das spielt keine Rolle solange sie ihren Zweck erfüllen, wenn er bei kühlem Wetter 20 km mit dem Fahrrad an der Elbe zum Einkaufen oder zum Chor fährt. Bei Letzterem beliefert er zusätzlich die Chormitglieder mit Auftragsarbeiten. Meistens bekommt er den Auftrag, Strickpullover für Männer anzufertigen.

Kopie statt Original

Herr B. liebt das Reisen. Er überrascht uns, denn am liebsten reist er mit dem Fahrrad und seinem Zelt. Seine Frau kann da leider nicht mit, aber er genießt es auch für sich zu sein. Sein Strickzeug ist natürlich immer dabei. Einmal kaufte Herr B. ein Strickheft an einem Kiosk in St. Peter Ording. Nach einer bestimmten Strickanleitung begann er im Zug eine Strickjacke anzufertigen. Völlig in seine Arbeit vertieft, bemerkte er erst im letzten Moment, dass der Zug seinen Zielbahnhof bereits erreicht hatte und er hastete übereilt aus der Bahn. Das Strickheft blieb auf dem Sitz liegen. Trotz aufwendiger Suche konnte man seine Strickzeitschrift nicht wieder finden. Es war seine Familie, die nach intensiver Recherche das Heft über das Internet beschaffen konnte. Ab sofort bleibt das Original stets zu Hause, und er nimmt ausschließlich Kopien der Anleitung mit, wenn er mal wieder unterwegs strickt.

Sein Enkel mit selbst gestricktem Pullover.   Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Sein Enkel mit selbst gestricktem Pullover.

Zum Schluss zeigt uns der Strickmeister von Hamburg – über die Unordnung etwas beschämt – sein Strickzimmer. Hier stehen mehrere Gläser mit je einem Wollknäuel auf dem Boden, präsent im Regal steht ein älteres Bild seines Enkels mit Elefantenstrickpullover und das durchgesessene Sitzkissen seines Schaukelstuhls verrät, dass dies sein Lieblingsplatz ist. Er baut einen Notenständer vor sich auf um zu zeigen, wie er darauf die Strickanleitung platziert. Da er gerade keine Anleitung zur Hand hat, klappt er ein altes Buch darauf auf. Das soll dir bleiben von Friedrich Schorlemmer. „Da man beim Stricken ja nirgendwo anders hingucken kann, liest mir meine Frau daraus vor.“ So funktioniert also die Generation der über 80jährigen, die sich Treue geschworen hat.

Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Lieblingsplatz: Schaukelstuhl, Wein und Strickarbeit.

Aus diesem Buch liest seine Frau beim Stricken vor. Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Aus diesem Buch liest seine Frau beim Stricken vor.

Ordnung: Gläser halten die Wollknäuel auseinander. Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Ordnung: Gläser halten die Wollknäuel auseinander.

Muschenhandschuh von Innen: Die Fäden halten warm. Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Muschenhandschuh von Innen: Die Fäden halten warm.

Gestrickte Handschuhe mit Muschen - Strickmeister von Hamburg  Im Gespräch mit dem Strickmeister von Hamburg

Gestrickte Handschuhe mit Muschen

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