Strickdesignerin Irina Heemann im Interview

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Irina Heemann

Sie war 10 Jahre alt, als Irina Heemann mit ihren deutschen Eltern von Russland zurück nach Deutschland gezogen ist. Wann genau die heute 35-jährige stricken lernte, weiß sie nicht mehr: „Ich habe Kleider für meine Puppen gestrickt und gehäkelt, so muss es wohl angefangen haben.“

Nach Ihrem Mathematikstudium an der Uni Bremen, studiert Irina Heemann zunächst Modedesign an der Hochschule in Hannover. Wechselt jedoch schnell an die Hochschule in Basel (Schweiz), weil das Studium dort freier und künstlerischer aufgebaut ist. Im Jahr 2011 schliesst Sie ihr Modedesignstudium mit dem Abschluss Bachelor of Arts ab und beginnt im selben Jahr das Textildesignstudium an der Hochschule in Luzern, das sie 2013 mit Master of Arts abschliesst.

Bereits während ihrem Studium in Basel spezialisiert sie sich ausschliesslich auf das stricken, sowohl Hand- als auch Maschinenstrick. Für die Erstellung der Masterthesis, in der sie die innovative Schnitttechnik für die Strickerstellung entwickelt, hilft der Designerin ihre andere Leidenschaft: die Mathematik.

Die Stricktechnik der verkürzten Reihen, die nachweisbar seit dem 16. Jahrhundert existiert, bildet den Kernpunkt ihrer aufwändig mathematisch-stricktechnischen Untersuchung.

Seit 2011 entwickelt die Strickdesignerin Kleiderprototypen mit der nahtlosen Schnitttechnik, die die Basis sowohl für ihre eigene Strickkollektion als auch für die Buchmodelle bildet.

Ihr Wunsch mit ihren Arbeiten selbstständig zu arbeiten, ist seit dem Abschluss des Studiums in Erfüllung gegangen. Nebenbei der eigenen Kollektion erstellt sie als freischaffende Strickdesignerin Kostüme für zahlreiche nationale und internationale Theater-, Opern- und Balletthäuser in Deutschland, Schweiz und Österreich.

Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass man sich allerdings auf eine neue Art von Anleitung einlassen muss, da man nicht alle Einzelteile, Vorderteile, Rückenteil und Ärmel, sondern alle Teile zusammen an einem Stück strickt – ohne dabei die Randmaschen aufnehmen zu müssen.Irina Heemann

Irina Heemann Strickdesignerin Irina Heemann im Interview
Kollektion der Strickdesignerin Irina Heemann

Interview mit Irina Heemann

stricken ist für manche nur ein schönes Hobby. Als Strickdesignerin musst du dich neben der aufwendigen Umsetzung auch um die Kundenakquise kümmern. Wie gut klappt das?

Ich sehe die Kundenakquise als eine Entwurfsarbeit an. Für mich ist das eine Art Kunst, Menschen, die man nicht kennt, für meine Arbeit und mein Können zu begeistern und davon zu überzeugen, dass sie mit mir zusammenarbeiten. Ich sehe es also nicht als eine Last, sondern eher als einen Entwurfsprozess, eben nicht den Designentwurf, sondern zum Thema Kundengewinnung.

Leider wird genau dieser Bereich im Studium kaum behandelt. Dabei bildet er den Kernpunkt der Arbeit als selbständiger Designer. Viele Modedesigner oder auch Künstler scheitern leider zu oft daran, dass sie sich selbst nicht gut genug vermarkten können.

Du erstellst eine eigene Kollektion unter den Namen irina heemann-finest handmade knitwear, designst als freischaffende Strickdesignerin für zahlreiche Strickmagazine, arbeitest für Theater-, Opern- und Balletthäuser, bietest Hand- aber auch Strickmaschinenkurse im eigenen Atelier an und arbeitest zur Zeit auch noch an deinem Buch. Wie verbindest Du die einzelnen Bereiche?

Es ist schon wirklich eine Gradwanderung zwischen der Erstellung einer Couture-Kollektion und dem Entwurf für eine Strickzeitschrift. Bei den Kollektionsmodellen stehen natürlich ganz andere Herausforderungen im Vordergrund als bei der Erstellung von Strickmodellen, die einfach nachzuarbeiten und im Alltag als Kleidungsstück funktionieren müssen.

Bei der Erstellung der Bühnenkostüme sind wieder ganz andere Schwerpunkte, die man beachten muss. Neben dem Design sind es z. B. Anforderungen wie: es darf nicht zu heiss werden auf der Bühne oder Tänzer dürfen auf Grund der Kleidung bei ihren Bewegungen nicht gehindert werden.

Ich finde es extrem spannend für diese unterschiedlichen Bereiche zu arbeiten. Auf den ersten Blick sind es alles Strickstücke, aber im Detail müssen sie ganz unterschiedliche Anforderungen erfüllen.

Du verwendest eine Vielzahl unterschiedlicher Wolle. Welche Eigenschaften der Wolle schätzt du für deine Projekte besonders? Weißt du bereits, welche Wolle du für welches Kleidungsstück verarbeitest?

Der Entwurfsprozess beginnt fast immer mit einer Woll-/Garnqualität, die mich auf ihre bestimmte Eigenart fasziniert. Dabei kann es jegliches Material sein, mit dem ich arbeite. Hauptsache, es ist als Meterware verfügbar und lässt sich verstricken: so wie in meinen früheren Kollektionen eine Lederschnur oder auch Paillettenband.

Nach der Garnauswahl erstelle ich Proben, indem ich beginne mit den Texturen zu experimentieren. Erst wenn ein Strickmuster erstellt ist, beginne ich an der Art des Kleidungstücks, Kleid o. ä. und der Silhouette zu arbeiten.

Für mich bildet das den grossen Reiz und Herausforderung, im Gegensatz zum Schneiderhandwerk, bei dem man das Material fast ausschließlich nicht selbst erstellt, sondern Vorhandenes nutzt.

Machst du dir Gedanken über die Herkunft der Wolle, die du verarbeitest?

Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt und je mehr Erfahrung ich habe, desto wichtiger und entschlossener handele ich auch auf diesem Bereich. Es ist sowohl die Herkunft, die mich interessiert, aber auch natürlich das Wohl des Tieres, die Verarbeitung und die Färbung.

Deine Arbeiten wurden bereits in vielen Publikationen wie Madame, Stricktrends oder auch Audi-Magazin vorgestellt. Welchen Rat hast du an unsere Leser, wenn sie ihre Werke veröffentlichen wollen?

In erster Linie muss man an sich selbst glauben und kämpfen wollen. Sich nicht von Niederlagen vom eigenen Kurs abbringen lassen. Ganz wichtig ist auch, dass die persönliche Arbeit eine eigene Sprache sprechen muss.

Natürlich ist es einfacher, wenn man eine fundierte Ausbildung vorweisen kann. Man wird dann automatisch ernster genommen. Vor allen Dingen, wenn man noch jung ist.

Ein anderer wichtiger Punkt ist auch, dass man genau weiss, wo die eigene Arbeit hingehört (als Beispiel: in die Vogue oder in das Sabrina Strickjournal). Das erhöht extrem die Chancen veröffentlich zu werden.

Als ein konkretes Beispiel: eines meiner Couture-Outfits aus der letzten Kollektion wurde in der Modeausstellung LOOK! Modedesigner von A bis Z im Kölner Museum für angewandte Kunst im letzten und diesem Jahr ausgestellt. Hätte ich eines meiner Modelle für das kommende Buch dort präsentiert, hätte es wohl nicht zwischen Hermes und Issey Miyake gestanden.

Deine nahtlose Schnitttechnik, die Du während deines Masterstudiums entwickelt hast, wurde bereits durch den deutschen Heinrich-Blanc-Award und dem Schweizer Design Preis prämiert. Wie denkst du über die Zukunft deiner Technik ?

Es ist ein wenig wie ein Puzzle, das sich nach und nach zusammenfügt: meine Vorliebe zur Mathematik vereint mit dem stricken und dem Modedesign.

Bei meiner Schnitttechnik, an der ich intensiv seit 2011 arbeite, entwickle ich fortlaufend neue Schnittmöglichkeiten und merke immer wieder, dass die nahtlose Schnitttechnik ein sehr großes Potential hat: sie ist innovativ und verbirgt unglaublich viele Möglichkeiten.

Bereits vor zwei Jahren wurde ich von dem führenden Industriestrickmaschinenhersteller „Stoll“ eingeladen und habe die ersten Schnitte auf Industriestrickmaschinen erfolgreich getestet.

Man wird sehen wie es mit der Schnitttechnik sowohl im Handstrickbereich, aber auch in der industriellen Herstellung weitergehen wird. Es bleibt also spannend!

Im Herbst 2016 veröffentlichst du dein erstes Buch „seamless knitting- stricken ohne Naht“ im stiebner-Verlag. Worauf dürfen wir uns freuen?

Den Buchmarkt beobachte ich nun schon seit einer langen Zeit. Ich weiß, dass seit einigen Jahren Handarbeiten wieder sehr angesagt sind und sehr viele neue Strickbücher erschienen sind.

Nahtloses Erstellen von Damenmodellen bildet in meinem Buch den Schwerpunkt. (Zur Zeit existiert auf dem deutschen Markt nur ein einziges Buch, welches das Thema behandelt.) Durch meine entwickelte Schnitttechnik, die einzigartig ist, da sie ausschliesslich durch die verkürzten Reihen aufgebaut ist, nimmt das Buch einen besonderen Platz/Stellenwert ein.

Irina Heemann Strickdesignerin Irina Heemann im Interview
Buch erscheint im Herbst 2016: stricken ohne Naht von Irina Heemann

Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass man sich allerdings auf eine neue Art von Anleitung einlassen muss, da man nicht alle Einzelteile, Vorderteile, Rückenteil und Ärmel, sondern alle Teile zusammen an einem Stück strickt – ohne dabei die Randmaschen aufnehmen zu müssen. Der Strickbeginn ist mal am Kragen, mal am Saum oder an den Ärmeln. Man strickt nicht einfach nur von oben nach unten bzw. von unten nach oben, sondern wechselt die Strickrichtungen und strickt mal senkrecht, mal waagerecht in einem einzigen Modell.

Ich empfehle für das Buch zumindest Grundkenntisse auf dem Bereich der verkürzten Reihen, was nicht heisst, dass nur Fortgeschrittene die Modelle nachstricken können.

Ich möchte noch auf mein Blog http://nahtlosstricken-dasbuch.blogspot.de aufmerksam machen. Dort lasse ich den Leser an dem Wachsen des Buches teilnehmen: ich zeige den Entwurfsprozess, aber auch die Fertigstellung jedes einzelnen Modells auf. Ich berichte über meine Arbeit als Designerin und natürlich über Neuigkeiten zu dem Buch.

Irina Heemann Strickdesignerin Irina Heemann im Interview
Kollektion der Strickdesignerin Irina Heemann
Irina Heemann Strickdesignerin Irina Heemann im Interview
Kollektion der Strickdesignerin Irina Heemann
Irina Heemann Strickdesignerin Irina Heemann im Interview
Kollektion der Strickdesignerin Irina Heemann
Wohnt in Hamburg. Stammt aus Köln, absolvierte dort von 2008 bis 2011 erfolgreich sein Designstudium. Hatte die Idee zu sockshype 2010, als er täglich zur einer Werbeagentur nach Düsseldorf pendelte. Lebte in den Niederlanden.
 Arbeitet für Apple in Hamburg. Gründet 2016 mit Marit Makema. Alle Artikel von Mark lesen.

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