Aus oll wird toll lautet die Devise von Rachel Kopp, die  in ihrer Hamburger Schneiderwerkstatt mit dem Label [schutz und schmuck]  aus  oftmals ausrangierten Schrankhütern ihrer Kunden hochwertige, geschmackvolle, passgenaue Upcycling-Kleidung schneidert. So werden Retrogardinen zu einem schicken Sommerkleid, ein bulliger Dufflecoat zu Claras heißgeliebtem Mantel oder eine Krawatte und ein Schlabber-T-Shirt zum Sommertop mit Liberty und World Trade Center. Im sockshype-Interview erfahren wir einiges über Rachel Kopp und ihre Vorliebe zur Upcycling-Mode.

Upcycling-Kleidung aus-oll-wird-toll, Plakat von Rachel Kopp  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung

Rachel, wie hast du deine Freude am Nähen entdeckt?

Zum ersten Mal saß ich mit zwölf Jahren an einer Nähmaschine. Es war in der Schule im Hauswirtschaftsunterricht; die Lehrerin war eine ältere, gestrenge Dame, die mir neben akkuratem Handarbeiten auch etwas Anstand und Manieren beizubringen gedachte. Im Unterricht sollte ich nicht so oft an der Nähmaschine, sondern hauptsächlich neben ihr sitzen und ihr die Stecknadeln anreichen, während sie mein verpfuschtes Nähgut in Ordnung brachte. Das machte mich fuchsig, ich wollte selber ausprobieren, und so holte ich zu Hause die alte Maschine meiner Mutter aus dem Schrank und machte mich an die Arbeit. Ich nähte zuerst eine Weste, dann einen Rock, eine Hose…und konnte gar nicht mehr aufhören.

Was fasziniert dich an dem Beruf der Schneiderin?

Die Schneiderei ist nun schon seit fast zwölf Jahren mein Beruf, und sie macht mir nach wie vor sehr viel Freude. Mit zunehmender Erfahrung wird mein Arbeitsalltag für mich nicht zur Routine, im Gegenteil erschliessen sich mir immer neue Dimensionen dieser Tätigkeit.

Stoff ist für mich nicht bloss Material, das es in eine bestimmte Form zu zwingen gilt. Im Gegenteil sehe ich die Stoffe für meine Kleidungsstücke als eine Art Arbeitspartner mit vielfältigen „Charakterzügen“:

Wie fühlt ein Stoff sich an, wie fällt er, wie wirkt er in unterschiedlichen Lichtverhältnissen? Wie reagiert er auf verschiedene Bearbeitungsmethoden, wie verhält er sich unter bestimmter Beanspruchung? Diese Eigenheiten und ihr Zusammenspiel gilt es zu erfühlen und optimal zu nutzen. Ich versuche also, nie gegen die innere Struktur eines Stoffes zu arbeiten, sondern sie in meine Vorgehensweise zu integrieren. So entstehen in sich harmonische Kleidungsstücke.

Upcycling-Kleidung Schottische Tweedstoffe mit Knopf  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung
Du arbeitest unter dem Label [schutz und schmuck]. Was willst du mit diesem Namen ausdrücken?

Mich beschäftigt das Spannungsfeld zwischen Mode und guter Kleidung.

Mode finde ich langweilig. Sie ist für mich ein Geschäft, das für Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit steht und nichts mit Selbstbestimmung zu tun hat.

Warum lassen wir uns von anonymen Trendsettern erzählen, was wir wann wie zu tragen haben, um uns schön und up to date zu fühlen?

Immer nach dem letzten Schrei gekleidet zu sein, ist nichts Besonderes. Diese Haltung steht natürlich erstmal in einem gewissen Widerspruch zu meinem Beruf – aber nur scheinbar. Was mich an der Schneiderei interessiert, ist die Herausforderung, gute Kleidung zu machen. Kleidung, die zu ihrer Trägerin passt, in der sie sich wohl fühlt, die ihre ganz individuelle Schönheit und Einzigartigkeit hervorhebt. Mit Mode hat das nichts zu tun. Ein gutes Kleidungsstück ist wie ein treuer Begleiter durch den Alltag und verleiht seiner Trägerin ein Stück Freiheit, Sicherheit und Leichtigkeit.

Schutz und Schmuck – das sind zwei der ursprünglichen und konkreten Funktionen, die Kleidung zu erfüllen hat.

Upcycling-Kleidung gute-kleidung, genähter Schriftzug  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung
Wie bist du auf die Idee gekommen, u. a. Upcycling-Kleidung zu fertigen?

Upcycling war für mich schon immer ein Thema.

Als ich geboren wurde, waren meine Eltern noch sehr jung und beide noch in der Ausbildung. Ihr finanzieller Spielraum war deshalb während meiner ersten Lebensjahre eher begrenzt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, auf irgend etwas verzichten zu müssen. Mein Vater ist handwerklich begabt und hat aus Überschüssigem alles Mögliche für uns gebaut: Aus alten Obstkisten entstand ein tolles Regalsystem fürs Kinderzimmer, aus leeren Shampooflaschen und anderen Plastikbehältern hat er für meine Schwester und mich das „Choslischpeeli“ (=schweizerisch für Plansch-Spiel) gemacht, eine Art dynamischen Springbrunnen zum Planschen in der Badewanne.

Ich bin also mit Upcycling gross geworden.

Als ich mit meinen ersten Nähversuchen anfing, gingen so einige meiner Projekte daneben und landeten halb fertig in irgend einem Karton – deshalb hätte es für mich keinen Sinn gemacht, gleich mit neu gekauften Stoffen zu arbeiten. So habe ich mich wie selbstverständlich als Erstes durch den Stapel an aussortierter Bettwäsche und Altkleidern genäht, den meine Mutter irgendwo im Schrank liegen hatte. Dabei habe ich gemerkt, wie spannend es ist, mit „widrigen Umständen“ zu spielen: Um aus einem alten Hemd meines Vaters und einem Schal meiner Mutter ein schickes Kleid für mich zu nähen, musste ich meine Fantasie anstrengen. Es war anspruchsvoller, als einfach aus einem viereckigen Stück Stoff etwas Neues zu machen; aber genau diese Herausforderung habe ich geliebt – und liebe sie bis heute.

Du beschäftigst dich schon recht lange mit Upcycling. Begrüsst du es, dass dieses Thema in den letzten Jahren zu einem Trend geworden ist?

Im Prinzip ja. Klar finde ich es klasse, dass immer mehr Menschen Spass daran haben, aus überschüssigem Material etwas Neues und Tolles zu schaffen – und dass Andere Lust haben, sich diese meist sehr liebevoll gemachten Produkte zu kaufen.

Worüber ich manchmal stolpere, ist die Tatsache, dass Upcycling oft als wahnsinnig neu und ausgefallen dargestellt wird. Upcycling existiert schon sehr lange, und in den meisten Teilen der Welt ist es nicht einfach nur funky und cool, sondern pure Notwendigkeit. Nur in den sogenannten hochentwickelten Ländern herrscht ein extremer Überfluss an Gütern, weshalb sie für den Einzelnen immer mehr an Wert verlieren – das ist anderswo nicht so; dort kommt man nicht umhin, Rohstoffe und Materialien mehrfach zu nutzen. Und auch hier, in Deutschland, ist es noch gar nicht so lange her, dass Not und Armut die Menschen gezwungen haben, mit dem Wenigen, was sie hatten, sehr sorgsam umzugehen und es möglichst lange in Gebrauch zu halten. Das lief damals allerdings unter so unspektakulären Namen wie „aus Alt mach Neu“ oder auch „Reparatur“.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich im letzten Herbst einige Frauen aus der Generation meiner Mutter interviewt zu dem Thema Kleidung/Upcycling; es sind sehr spannende Gespräche entstanden, in denen die Frauen erzählen, wie anders der Umgang mit Kleidung in ihrer Kindheit war (hier nachlesen). Dabei ist mir etwas Entscheidendes aufgefallen: Wenn unsere Mütter und Großmütter damals Upcycling betrieben haben, taten sie das aus einem Mangel an Rohstoffen. Hier und heute tut man es eher aus einem Überschuss an Müll.

Aus welchen Gründen bringen Leute ausrangierte Kleidung zu dir, um daraus etwas Neues fertigen zu lassen?

Da gibt es ganz unterschiedliche Motivationen. Manche hängen an ihren Lieblingsteilen und möchten sich nicht von ihnen trennen, weil sie bestimmte Erinnerungen damit verbinden. Ein Kunde bringt mir seit Jahren immer wieder seine alte no name Jeans zur Reparatur; inzwischen habe ich sie an so vielen Stellen bearbeitet, dass sich ihr Look schon ziemlich verändert hat, man könnte sagen, es ist aus der alten Hose eine neue gewachsen.

Andere haben zugenommen und möchten ihre Sachen etwas weiter gemacht haben. Da ist kreatives Geschick gefragt, denn es reicht natürlich nicht, einfach an der Seite einen Streifen einzusetzen. Dann würde ja jeder sofort den Grund für die Änderung erkennen. Stattdessen achte ich darauf, die Änderung in das Design des Kleidungsstückes zu integrieren, so, dass es im Idealfall an Raffinesse dazu gewinnt.

Oft arbeite ich auch Kleidungsstücke komplett um. Das sind dann zum Beispiel Erbstücke, ein Kleid von der Oma aus einem abgefahrenen Stoff aber mit einem unmöglichen Schnitt. Daraus kann dann ein hübscher Rock oder ein Top entstehen.

Eines meiner Lieblingsprojekte war der Mantel einer Kundin, den sie mit 16 Jahren von ihrem Vater übernommen hatte. Ein klassischer Fliegermantel, der ihr natürlich viel zu groß war. Als Teenager hat ihr genau das gefallen, und sie ist jahrelang nicht ohne dieses Teil aus dem Haus gegangen. Dann kam eine andere Zeit, und der Mantel wanderte ganz hinten in den Schrank – und wurde zwei Jahrzehnte später erst wieder entdeckt und ans Tageslicht befördert. Ich habe ihn dann auf ihre Figur angepasst, und nun trägt sie ihn wieder genau so gern wie damals, ein hübscher Mantel mit einer langen und bewegten Geschichte.Upcycling-Kleidung, Entwürfe zu Upcycling-Kleidung  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung

Wer sich dein Making-of anschaut, erkennt, wie viel Arbeit in der Herstellung eines neuen Kleidungstückes steckt. Dabei ist es unerheblich, ob du neue Stoffe oder gebrauchte verwendest. Die Arbeit ist die gleiche. Ist ein Kleidungsstück denn für den Otto Normalverbraucher überhaupt erschwinglich?

Beim Kauf eines konventionell gehandelten Kleidungsstücks geht ca. 1 % des Kaufpreises an die Näherin. Für eine Jeans von achtzig Euro bekommt sie also nicht einmal einen Euro für ihre Arbeit. Mit solchen Bedingungen kann und will ich natürlich nicht mithalten – deshalb kostet ein Lieblingsteil von [schutz und schmuck] auch deutlich mehr als eine Klamotte von der Stange.

Allerdings kann es auch mehr: es ist einzigartig, nicht jeder Zweite läuft damit herum. Es ist massgeschneidert. Eine optimal sitzende Lieblingshose von [schutz und schmuck] ist im Endeffekt günstiger als drei schlecht sitzende von der Stange, die nicht getragen werden. Und es hält länger (auf meine Sachen gibt es grundsätzlich einen fünfjährigen Garantieanspruch), denn bei der Verarbeitung achte ich auf höchste Qualität und schneide die Kleidungsstücke generell so zu, dass bei eventueller Gewichtszunahme der Trägerin noch die Möglichkeit einer unkomplizierten Anpassung besteht.

Mein Kundenkreis ist sehr breit gefächert und bunt durchmischt. Dazu gehört der Stammgast aus der Eckkneipe in meiner Strasse genauso wie die Ethnologiestudentin, der stylische Szenehipster oder die gutbetuchte, reifere Dame aus den Elbvororten. Darüber bin ich recht froh, denn mir ist es wichtig, dass die Möglichkeit, sich gut und nachhaltig zu kleiden, nicht einer gewissen Elite vorbehalten ist. Deshalb biete ich in der Schneiderwerkstatt auch die Option der Ratenzahlung bei aufwändiger gemachten und daher etwas kostenintensiveren Kleidungsstücken. So können auch Menschen mit vergleichsweise schmalem Portemonnaie sich gute Kleidung leisten. Außerdem lasse ich mich auch gerne auf Tauschgeschäfte ein. Zuletzt habe ich einen Schwung handgefertigter Lavendelkissen gegen eine Yoga-Einzelstunde getauscht.

Upcycling-Kleidung baumwollspitze, dekorativ verarbeitet  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung
Gibt es Sachen und Stoffe, die du besonders gerne verarbeitest?

Neben dem Upcycling mache ich ja auch viel Maßanfertigung aus neuen Stoffen. Dabei verwende ich nach Möglichkeit hauptsächlich Stoffe, die in ihrer Herstellung weder Mensch noch Umwelt Schaden zufügen. Ich bin mit einigen ausgesuchten Händlerinnen vernetzt, die sich zum Ziel gesetzt haben, ökologisch und fair produzierte Stoffe zu vertreiben. Da gibt es inzwischen ein wunderbares und sehr vielseitiges Sortiment. Anita Pavani zum Beispiel arbeitet mit kleinen ursprünglichen Betrieben auf der ganzen Welt zusammen und ermöglicht durch den Vertrieb ihrer Produkte den Erhalt von einzigartigen traditionellen Handwerkstechniken. Es macht sehr viel Freude, mit diesen Stoffen zu arbeiten, von denen ich weiß, dass auch die Frauen, die an ihrer Herstellung beteiligt waren, sich vernünftiger Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Bezahlung erfreuen können. Wer selber gerne näht und sich für das Thema ökofair und für schöne Stoffe interessiert, dem kann ich einen Besuch in den Onlineshops von Siebenblau, Naturstoffe oder Meterwerk sehr ans Herz legen.

Stellst du eigentlich nur nach Maß Kleidungsstück her oder kann ein Kunde in deiner Werkstatt auch schon fertige Mode finden?

Schwerpunktmässig arbeite ich nach Kundenwunsch, aber hin und wieder fällt mir auf dem Flohmarkt ein Stoff oder ein Kleidungsstück in die Hände, zu dem ich dann eine bestimmte Idee umsetze. Resultat davon sind dann eher so Einzelteile, die es in meiner Werkstatt zu erwerben gibt.

upcycling-Kleidung mützen aus der Werkstatt von Rachel Kopp  Schneiderin Rachel Kopp fertigt hochwertige Upcycling-Kleidung

Ein Angebot fertiger [schutz und schmuck] Produkte gibt es seit zwei Jahren mit meinen Upcycling Unikaten: Das sind Mützen und Handytaschen, die ich ausschliesslich aus abgetragenen Wollpullovern und aussortierten T-shirts in Einzelanfertigung herstelle. Dazu verdichte ich die Pullover in der Waschmaschine zu einem festen, walkartigen Material, das eine wunderbare Basis für warme, weiche, wind- und wasserabweisende Mützen ergibt.

Zu erwerben sind diese Mützen in meinem Werkstattladen sowie im schutz und schmuck Onlineshop.

Liebe Rachel, vielen Dank für dieses interessante Interview über deine maßgeschneiderte Upcycling-Kleidung. Ich wünsche dir, dass viele Kunden den Weg zu dir finden und sich wunderschöne maßgeschneiderte Lieblingskleidungsstücke nähen lassen.

Hier finden Sie Rachel Kopp in ihrer Schneiderwerkstatt [schutz und schmuck]:

Sternstraße 85, 20357 Hamburg

Fotos – Quelle: Rachel Kopp, Urheber: rachel kopp

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