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Martine liebt alte Strickmuster

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Martine beschäftigt sich mit Strickmusterbüchern aus dem 19. Jahrhundert und schafft für die Strickwelt einen kostbaren Schatz, indem sie die Muster nachstrickt und die Bilder mit wissenswerten Texten sowie mit Anleitungen zu wunderschönen Strickmustersammlungen zusammenfasst.

sockshype hat die promovierte Textwissenschaftlerin, Germanistin und Linguistin Martine aus Münster, die in Strickkreisen unter Martine bekannt ist, interviewt. Ein Bild von ihr werden Sie allerdings vergeblich suchen, denn Martine möchte, dass wir sie allein durch ihre Texte kennenlernen.

Martine, wie sind Sie zum Stricken gekommen?

Als ich 7 Jahre alt war, entdeckte ich das Stricken bei einem Besuch bei meiner Tante. Nadeln bewegten sich und es kam etwas Schönes dabei heraus, ich fand es faszinierend. Ich bestand darauf, dass meine Mutter, die selbst zwar in ihrer Jugend gestrickt hatte und es tatsächlich sehr gut konnte, aber überhaupt nicht mochte, mir zeigte, wie es geht. Irgendwann gab sie nach und holte ein uraltes halbes Knäuel und ihre einzigen Stricknadeln hervor, schlug Maschen an, zeigte mir rechte und linke Maschen, und für sie war die Geschichte erledigt. Das halbe alte Knäuel war aber schnell verstrickt, wurde wieder aufgeribbelt und wieder gestrickt. Ich wollte gar nicht aufhören. Meine Mutter fand diese Begeisterung fürs Stricken eher belustigend und erzählte davon im Bekanntenkreis. Bekannte und Nachbarn schenkten mir von da an Garnreste, auch wenn es nur ein paar Meter waren, mit denen ich nur ganz kleine Läppchen stricken konnte. Und eine Nachbarin gab mir regelmäßig die Strickbeilage aus ihrer abgelaufenen Fernsehzeitung, so dass ich Muster entdecken und üben konnte. Ich fand es herrlich. So ging es einige Jahre, bis meine Mutter mir schließlich Garn für meinen ersten Schal kaufte. Aber auch danach habe ich immer wieder Muster ausprobiert und Pröbchen gestrickt.

Sie sind freiberuflich tätig. Wann finden Sie Zeit zu stricken?

Es ist alles eine Sache der Organisation. Viele Menschen denken, dass das Leben der sogenannten Kreativen naturgemäß und notwendigerweise chaotisch sein muss. Es ist aber nicht so. Ich habe im Gegenteil einen sehr durchgeplanten Alltag.

Ich stricke hauptsächlich in zwei Situationen: Wenn sonst nichts anliegt, oder aber wenn sonst nichts möglich ist.

Es gibt natürlich ideale Stricktage: Der Haushalt ist perfekt in Ordnung, die abgeschlossenen Aufträge wurden abgegeben, die Buchhaltung ist auf dem letzten Stand, es sind keine Blogartikel zu schreiben, die menschenmöglichen Werbe- und Akquirierungsmaßnahmen sind eingeleitet und man kann nichts mehr tun als abzuwarten – dann kann man sich zurücklehnen und das Stricken so richtig genießen. Solche Tage sind allerdings selten und werden immer seltener. Es wird auch angesichts der Wirtschaftskrise immer schwieriger, sich einen ganzen Tag ohne schlechtes Gewissen frei zu nehmen. Aber Stricken ist glücklicherweise eine sehr flexible Beschäftigung: Manchmal stricke ich eine Garnprobe, während ich auf die angekündigte eMail eines Kunden warte. Ich stricke auch, wenn ich Ideen für einen Text sammle. Die Finger sind beschäftigt, der Geist kann sich treiben lassen, und so entstehen Muster und Text gleichzeitig. Ich habe schon mal während des Strickens ganze Werbeprospekte oder Blogartikel in Gedanken entworfen, die ich dann am nächsten Tag niederschreiben konnte. Es gibt immer eine Möglichkeit.

Strickmuster von Martine strickmuster Martine liebt alte Strickmuster
Strickmuster von Martine

Stricken Sie auch anderes als Strickmuster?

Ja, ich stricke auch Pullover für mich und meinen Mann, wenn unser Budget es zulässt, was nicht immer so einfach ist. Und ich habe Freundinnen, die immer wieder mal Schals oder Wohnaccessoires “dringend brauchen” und regelrecht fragen, ob ich ihnen zum Geburtstag nicht dies oder jenes stricken könnte. Solchen Bitten komme ich natürlich sehr gern nach.

Gibt es ein Strickteil, an dem Sie sehr hängen?

Ja, das gibt es. Es ist ein mittlerweile 30 Jahre alter Schal. Er ist von einer alten Dame für mich gestrickt worden, als ich meine Heimatstadt verließ und nach Münster zog. Sie hatte Angst, dass mir hier “am Nordpol”, wie sie es nannte, kalt ist und dass ich Heimweh bekomme. Sie war sehr krank und geschwächt, und ich weiß, dass sie über Wochen oder sogar Monate ihre ganze Kraft zusammengenommen haben muss, um ihn überhaupt fertigzustellen. Dieser Schal hat mich seitdem immer begleitet. Die alte Dame starb Anfang der 90er Jahre, aber der Schal ist noch da. Und wenn ich ihn anfasse, weiß ich, dass sie sich freuen würde, dass er mich noch begleitet, dass dieses Stückchen ihrer Zuneigung bei mir ist. Es mag nicht das schönste Strickstück in meinem Kleiderschrank sein, aber es ist für mich das wichtigste.

Sie haben vor kurzem die beiden Sammlungen aus dem Buch einer badischen Lehrfrau fertig gestellt und den Lesern Ihres Blogs als E-Book zur Verfügung gestellt. Was hat Sie veranlasst, sich mit Strickmusterbüchern des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen?

Das Projekt mit dem badischen Stricklehrbuch aus dem 19. Jahrhundert ist meine dritte Begegnung mit Mustern aus dieser Zeit. Zuvor hatte ich die Muster der Eleonore Riego de la Branchardière und der Cornelia Mee vorgestellt. Mein Interesse für diese alten Muster gründete ursprünglich auf zwei Fragen: Wie haben Strickwerke im 19. Jahrhundert ausgesehen? Dienten sie als wärmende Kleidung nur praktischen Zwecken bzw. wie wichtig war das dekorative Element?

Haben Sie Antworten auf diese Fragen gefunden?

Strickbücher aus dieser Zeit beantworten diese Frage auf den ersten Blick nur zum Teil, denn sie zeigen meistens weder Zeichnungen noch Strickschriften, die dem heutigen Leser helfen könnten, sich ein konkretes Bild der fertigen Arbeiten oder der Muster zu machen. Dies betrifft sowohl den angelsächsischen als auch den deutschsprachigen oder romanischen Kulturraum. Es war also besonders spannend, aus den langen Texten Muster entstehen zu sehen, die zum einen den Geschmack dieser Zeit, zum anderen aber auch die Strickpraxis und das Verständnis für Stricktechniken und ihre Umsetzungen zeigten.

Was ist der Reiz an der Arbeit mit alten Strickmusterbüchern?

Die Arbeit mit alten Mustern hat mehrere Aspekte. Es ist zunächst eine archäologische Arbeit, denn die Strickbücher aus dieser Zeit sind zum Teil sehr fehlerhaft, nicht korrekturgelesen, nicht lektoriert und geben Muster wieder, die manchmal nur in der Theorie entstanden sind und niemals gestrickt wurden. Es ist also sehr viel zu rekonstruieren, zu deuten und abzuwägen.

Es ist natürlich auch eine museale Arbeit, durch die die Muster erfasst, gezeigt und erhalten werden sollen. Schließlich geht es aber auch darum, sie praktisch erlebbar und in unserer Zeit nutzbar zu machen.

Buch badischer Lehrfrau strickmuster Martine liebt alte Strickmuster

Wie kamen Sie zum Buch der „badischen Lehrfrau“ und haben Sie hieraus neue Erkenntnisse gewonnen?

Dass ich ausgerechnet mit dem Buch der “badischen Lehrfrau” in Berührung kam, verdanke ich dem Zufall. Zwei meiner Blogleserinnen, die sich für die beiden ersten Bücher begeistert hatten, sandten mir fast zeitgleich das Buch zu, das nun meinen bisherigen Entdeckungen eine neue Dimension hinzufügte: die Strickpädagogik aus längst vergangenen Zeiten, die sich als überraschend modern, schlüssig und wohlwollend entpuppte. Eine weitere faszinierende Seite dieses Buchs ist die Art und Weise, wie Muster in ihren Strukturen zwar immer sehr einfach bleiben, aber optisch raffiniert und mitunter regelrecht kostbar wirken. Dies ist vielleicht auch die wichtigste Botschaft, die diese Lehrerin ihren Schülerinnen für die Zukunft vermittelte: Stricken ist im Grunde ganz einfach, und man kann mit kleinsten Variationen von rechten und linken Maschen eine unendliche Vielzahl wunderschöner Dinge erreichen.

In der Einleitung der Strickmustersammlung schreiben Sie, dass die Muster im Originaltext  weder zusammenfassend beschrieben noch durch Abbildungen greifbar wurden. Waren die Anleitungstexte für Sie immer verständlich?

Was meine Vorgehensweise bei der Neuerarbeitung alter Muster betrifft: Sie ist von Demut dem Originaltext gegenüber geprägt. Ich versuche, die Muster zwar strickbar und verständlich zu machen, aber dabei möglichst viel von dem Geist der ursprünglichen Autorin und der Zeit, in der sie gelebt hat, zu erhalten. Manchmal bedeutet es auch, dass ich für ein einziges Muster, wenn es nicht eindeutig zu entschlüsseln ist, mehrere Varianten anbiete. Ich treffe nie Entscheidungen über die Richtigkeit einer Interpretation einer Maschenfolge, wenn ich nicht sicher bin. Und im Zweifelsfall gehe ich lieber einen komplizierteren Weg, wenn es der Denkweise der jeweiligen Autorin entspricht.

Was sagen die Leser- und Leserinnen Ihres Blogs zu Ihren Mustersammlungen?

Die Reaktionen haben mich sehr überrascht. Schließlich handelt es sich um einen sehr speziellen Teilbereich des Strickens. Zudem haben die meisten Strickerinnen zu Hause bereits aberdutzende von Strickbüchern. Und doch war das Interesse überwältigend. Dies zeigt auch, wie schön und zeitlos diese Muster sind. Einige meiner Leserinnen haben sie sogar bereits in konkreten Strickstücken umgesetzt, was für mich eine ganz besondere Freude ist, denn so bleiben sie lebendig und verbinden uns auf sehr greifbare Weise mit der Vergangenheit. Es ist ein schöner Gedanke.

Sie schreiben in Ihrem Blog nicht nur über Strickmuster, sondern auch über Garne verschiedener Hersteller und geben damit Ihren Lesern und Leserinnen Kaufempfehlungen. Was hat Sie hierzu veranlasst?

Dem Wort “Kaufempfehlung” möchte ich nicht zustimmen, denn ich versuche, meine Garnrezensionen so objektiv wie möglich zu halten. Ich bemühe mich, ganz konkrete Kriterien und Eigenschaften anzusprechen und zu beschreiben, die jedem dann das Rüstzeug für ein eigenes Urteil ermöglichen. Natürlich kann eine Garnrezension nur so objektiv sein wie eine Restaurant-, Wein- oder Literaturkritik. Im allgemeinen strebe ich konsequent die größtmögliche Neutralität an und versuche immer, mich, so weit es mir möglich ist, auch in meine Leser hineinzuversetzen.

Dass ich überhaupt dazu kam, Garne zu rezensieren, ergab sich sozusagen aus einer Notsituation. Ich habe in meiner Studienzeit in den 80er Jahren gestrickt, ohne mich mit dem Thema Garnqualität eingehend beschäftigen zu müssen. Ich ging zum kleinen Wollgeschäft um die Ecke, sagte, was ich stricken wollte, bekam passendes Garn, strickte, und alles gelang. Einige dieser Pullover habe ich heute noch. Dann machte ich mich selbstständig, hatte weder Zeit noch Geld, um zu stricken, und begann erst 2009 wieder zu stricken, weil unsere Garderobe dringend eine Auffrischung brauchte.

Die Stricklandschaft aber hatte sich verändert.

Die kleinen Geschäfte, deren Verkäuferinnen man blind vertrauen konnte, waren verschwunden; die Markenvielfalt hatte zugenommen, aber die Qualität ging damit nicht notwendigerweise einher; Nadelstärkenangaben auf den Banderolen waren mitunter recht abwegig geworden; von dem Niedergang der Farbpaletten ganz zu schweigen. Nach etlichen Enttäuschungen und Fehlkäufen online beschloss ich, Knäuel nur noch auf Probe zu kaufen und sie erst zu testen, bevor ich eine größere Menge für einen ganzen Pullover erwerbe. So entstand die Idee, diese Garnrezensionen im Blog zu veröffentlichen – und damit vielleicht auch anderen behilflich zu sein.

Martine, haben Sie Wünsche oder Pläne für die Zukunft?

Ich fertige Strickgrußkarten an. Bis jetzt habe ich sie nur verschenkt, allerdings erfreuen sie sich so großer Beliebtheit, dass ich zur Zeit überlege, sie im Rahmen eines Etsy-Shops zu verkaufen. Problematisch ist es, geeignete Verpackungen zu vertretbaren Preisen zu finden, und für die Karten eine Endpreisgestaltung zu erreichen, die nicht nur die Materialkosten deckt, sondern auch einen kleinen Gewinn ermöglicht.
 Eine weitere Seite meines Blogs sind Garnrezensionen. Hier würde ich gern für mehr Marken und auch für Wollgeschäfte arbeiten, aber es ist nicht ganz leicht, die entsprechenden Kontakte zu knüpfen. Diese beiden Punkte sind also meine Wunschziele für die Zukunft.

Liebe martine, ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, den Lesern von sockshype und mir ein so informatives Interview zu geben.

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Geschrieben von Barbara

Kommt aus Köln. Tüftelt täglich an neuen Ideen & Anleitungen. Besucht gerne Handarbeitsmessen und knüpft immer zufällig neue Kontakte. Sie ist die erfahrenste Strickerin unter den Autoren. Alle Artikel von Barbara ansehen.

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